zu "ebbe & flut" und "air castle"
menschen neigen dazu, dinge wie 'richtig & falsch', 'innen & außen', 'mehr oder weniger' als gegensätze zu betrachten.
aber ich frage mich, ob sie wirklich unterschiedlich sind?
sie mögen unterschiedlich aussehen, je nachdem, wo man sich befindet und wer man ist.
wie bei ebbe und flut, ist die menge des meerwassers in wirklichkeit immer die gleiche. in meiner arbeit geht es darum, solche werte in frage zu stellen und die notwendigkeit dieser art von trennung zu verweigern.
wenn dasselbe unterschiedlich bewertet wird: als völlig gegensätzlich, liegt das meiner meinung nach daran, dass die betrachter:innen im mittelpunkt der urteilsfindung stehen.
wenn das selbst als maßstab verwendet wird, werden dinge nur von einer position aus unterschieden und bewertet.
das ergebnis ist zwar eine erklärung der eigenen position, aber möglicherweise kein ausdruck des wahren zustands der welt.
meine arbeit versucht, 'eine welt ohne widersprüchliche beziehungen' in visueller form darzustellen, um die bedeutungslosigkeit der trennung durch den grundlegenden charakter der materialien aufzuzeigen.
ich bin nicht daran interessiert, ein material in symbolische formen zu zwingen.
ich führe das material lediglich in einen neuen zustand, in dem die gegensätzliche natur – 'vorderseite & rückseite', 'innen & außen' – zur gleichen sache wird.
dabei verändert das material seine eigene form, und sein inneres gleichgewicht passt sich dieser neuorganisation an.
die endgültige form und größe meiner werke wird also von jedem einzelnen materialstück bestimmt.
auf diese weise kann ich meine meinung durch eine form darstellen, die weder beschreibung noch aufzeichnung ist.
die jüngste serie 'air castle' erweitert die früheren papier- und drahtarbeiten, aber im gegensatz dazu ist nur ein kleiner teil des gesamtwerks wahrnehmbar.
da jeder mensch nur einen kleinen teil der welt sehen kann, verwendet diese serie die ebenen der wände und des bodens als materielles äquivalent zu diesem bruchteil, während das werk als ganzes darüber hinaus ins unendliche reicht.
die graphitfächer bilden die grenze zwischen innen- und außenraum und visualisieren den kontakt, wenn drei kugelförmige formen auf einen rechteckigen raum treffen oder wenn blasen aneinander haften.
an der ecke, wo die drei fächer in kontakt kommen, sehen wir eine trichterform, deren innen- und außenseite durch graphit und rotes pigment voneinander getrennt sind.
obwohl dieser trichter als 'durchhang' des bodenfächers betrachtet werden kann, löst er nicht die gesamte realisierung der unsichtbaren sphären auf.
es zeigt, dass die 'rationale analyse' nicht das gesamte universum erklären kann, da es 'keinen standard' gibt.
unsere wahrnehmung der welt ist die eines 'luftschlosses'.
yoko terauchi, 1991 (ausstellungstext zu "yoko terauchi" in der edition & galerie hoffmann, friedberg, 1991)
zu "air castle"
aufgrund meines kulturellen hintergrunds, der dem unbekannten gegenüber offen ist, kann ich die westliche philosophische sichtweise der welt als logisches kohärentes system und das damit einhergehende ziel, nach universeller wahrheit zu suchen, nicht akzeptieren.
meine werke sollen auf die eigentliche quelle dieses dualismus hinweisen, nämlich die gewohnheit, die welt in essenzen zu unterteilen, und den betrachter:innen vor augen führen, wie dieses rationale verständnis das, was tatsächlich existiert, verzerrt und zu dem konzept des konflikts führt.
ich nutze installationen als mittel, um die aufmerksamkeit der betrachter:innnen auf deren eigenen geist und deren position im raum zu lenken. damit verlasse ich die westliche kunsttradition, ideen durch physische darstellung zu veranschaulichen.
stattdessen präsentiere ich bedingungen oder situationen, die die psychologische und physische erfahrung der betrachter:innen beim versuch, das gesehene zu verstehen, verrücken.
ich durchbreche den rahmen des galerieraums (und seine unabhängigkeit), um den weltraum als kontinuierliche unendlichkeit einzubeziehen. so können unbewusste körperliche positionsveränderungen vor dem betreten des galerieraums zu einer sehr wichtigen erfahrung werden, die die betrachter:innen erkennen lässt, dass sie nicht unterscheiden können, wo sie sich in bezug auf das, womit sie konfrontiert sind, befinden. dies veranschaulicht den vollständigen verlust einer grundlage zur bewertung sowohl subjektiver als auch objektiver standpunkte.
es ist ein einstieg in eine andere herangehensweise an die welt.
yoko terauchi, 1994 (aus dem ausstellungskatalog zu "yoko terauchi" in der chisenhale gallery, london, 1994)
zu "hot lines"
die menschen neigen dazu, begriffe wie 'richtig und falsch', 'schönheit und hässlichkeit' als gegensätze zu betrachten. ich aber frage mich, sind sie wirklich verschieden? sie mögen je nach standpunkt der betrachter:innen verschieden aussehen. doch wie bei ebbe und flut: faktisch ist die wassermenge des meeres immer dieselbe. mit meiner arbeit möchte ich 'eine welt ohne widersprüchliche beziehungen' in visueller form darstellen, um die bedeutungslosigkeit der trennung anhand der grundlegenden eigenschaften der materialien aufzuzeigen.
telefonkabel ist eines der von mir verwendeten materialien. ich verwende material nicht als metapher oder symbol. deshalb gibt es, obwohl ich die reihe 'hot line' genannt habe, keine verbindung zwischen der funktion des telefonkabels und dem, was meine arbeit darstellt. der lebhafte kontrast zwischen dem einfarbigen mantel (außen) und dem farbigen draht (innen) ist der grund, warum ich telefonkabel als medium verwende: um die 'gleichheit von außen und innen' darzustellen. jede 'hot line' ist aus einem stück kabel angefertigt. nichts ist hinzugefügt oder weggenommen. ich führe das material zu einem neuen zustand, in dem die gegensätze innen und außen dasselbe werden.
ich schneide buchstäblich die grenze des mantels, um die stellung des drahtes der des mantels gleichzusetzen. bei diesem vorgang verändert das material seine ihm eigene form und sein inneres gleichgewicht passt sich dieser neuorganisation an.
die endgültige form und größe meiner arbeit ist deshalb von jedem einzelnen stück telefonkabel bestimmt. auf diese art schaffe ich eine 'eigentliche' form, die weder beschreibung noch metapher ist.
yoko terauchi, 1996 (aus dem ausstellungskatalog zu "yoko terauchi" im museum für post und kommunikation, berlin in1996)