hoffmann

in focus: yoko terauchi – ebb & flow

ein rückblick auf yoko teruachis ausstellung von 1991 in der edition & galerie hoffmann bietet einstiegsmöglichkeiten in das verständnis von drei frühen werkgruppen der künstlerin: "hot line", "ebb & flow" und "air castle". während ortsspezifische werke traditionell den kontext ihres standorts betonen, wird in diesem fall der standort des betrachters hervorgehoben. "air castle" verweist auf das idealisierte verständnis eines ausstellungsraums als unabhängig. die arbeit führt die betrachter:innen an die erkenntnis heran, dass sie nicht unterscheiden können, wo sie sich in bezug zu dem, was ihnen gegenübersteht, befinden. ein großer teil der arbeit "air castle" überschreitet die grenzen des ausstellungsraums. "ebb & flow" konfrontiert die besucher:innen, wie die folgende dokumentation veranschaulicht, je nach position mit scheinbar gegensätzlichen versionen ein und derselben arbeit. innen und außen oder vorder- und rückseite sind nur relevant, sobald 'das selbst' des betrachters zur norm erhoben wird. "ebb & flow" deutet an, dass es nicht notwendig ist, zwischen vorder- und rückseite zu unterscheiden. die serie "hot line" rückt die relativität von innen und außen in den fokus. ein vermeintlich binäres verhältnis, das die künstlerin zu verneinen versucht, und welches sie als fetischisierung kartesischen dualismus westlicher philosophie identifiziert.

view of installation from the exhibition "yoko terauchi" at edition & galerie hoffmann in 1991

installationsansicht aus der ausstellung "yoko terauchi" in der edition & galerie hoffmann, 1991

ich bin nicht daran interessiert, ein material in symbolische formen zu zwingen. ich führe das material lediglich in einen neuen zustand, in dem die gegensätzliche natur – 'vorderseite & rückseite', 'innen & außen' – zur gleichen sache wird.

yoko terauchi, 1991

zu "ebbe & flut" und "air castle"

menschen neigen dazu, dinge wie 'richtig & falsch', 'innen & außen', 'mehr oder weniger' als gegensätze zu betrachten.

aber ich frage mich, ob sie wirklich unterschiedlich sind?

sie mögen unterschiedlich aussehen, je nachdem, wo man sich befindet und wer man ist.

wie bei ebbe und flut, ist die menge des meerwassers in wirklichkeit immer die gleiche. in meiner arbeit geht es darum, solche werte in frage zu stellen und die notwendigkeit dieser art von trennung zu verweigern.

wenn dasselbe unterschiedlich bewertet wird: als völlig gegensätzlich, liegt das meiner meinung nach daran, dass die betrachter:innen im mittelpunkt der urteilsfindung stehen.

wenn das selbst als maßstab verwendet wird, werden dinge nur von einer position aus unterschieden und bewertet.

das ergebnis ist zwar eine erklärung der eigenen position, aber möglicherweise kein ausdruck des wahren zustands der welt.

meine arbeit versucht, 'eine welt ohne widersprüchliche beziehungen' in visueller form darzustellen, um die bedeutungslosigkeit der trennung durch den grundlegenden charakter der materialien aufzuzeigen.

ich bin nicht daran interessiert, ein material in symbolische formen zu zwingen.

ich führe das material lediglich in einen neuen zustand, in dem die gegensätzliche natur – 'vorderseite & rückseite', 'innen & außen' – zur gleichen sache wird.

dabei verändert das material seine eigene form, und sein inneres gleichgewicht passt sich dieser neuorganisation an.

die endgültige form und größe meiner werke wird also von jedem einzelnen materialstück bestimmt.

auf diese weise kann ich meine meinung durch eine form darstellen, die weder beschreibung noch aufzeichnung ist.

die jüngste serie 'air castle' erweitert die früheren papier- und drahtarbeiten, aber im gegensatz dazu ist nur ein kleiner teil des gesamtwerks wahrnehmbar.

da jeder mensch nur einen kleinen teil der welt sehen kann, verwendet diese serie die ebenen der wände und des bodens als materielles äquivalent zu diesem bruchteil, während das werk als ganzes darüber hinaus ins unendliche reicht.

die graphitfächer bilden die grenze zwischen innen- und außenraum und visualisieren den kontakt, wenn drei kugelförmige formen auf einen rechteckigen raum treffen oder wenn blasen aneinander haften.

an der ecke, wo die drei fächer in kontakt kommen, sehen wir eine trichterform, deren innen- und außenseite durch graphit und rotes pigment voneinander getrennt sind.

obwohl dieser trichter als 'durchhang' des bodenfächers betrachtet werden kann, löst er nicht die gesamte realisierung der unsichtbaren sphären auf.

es zeigt, dass die 'rationale analyse' nicht das gesamte universum erklären kann, da es 'keinen standard' gibt.

unsere wahrnehmung der welt ist die eines 'luftschlosses'.

yoko terauchi, 1991 (ausstellungstext zu "yoko terauchi" in der edition & galerie hoffmann, friedberg, 1991)

view of installation: "ebbe & flut" (1991), paper, paint, 227 x 407 x 420 cm

installationsansicht: "ebbe & flut" (1991), papier, acrylfarbe, 227 × 407 × 420 cm

view of installation: "ebbe & flut" from another angle

installationsansicht: "ebbe & flut" von einem weiteren standpunkt betrachtet

view of installation: "ebbe & flut"

installationsansicht: "ebbe & flut"

yoko terauchi during the production of the work on site

yoko terauchi während der fertigung der arbeit vor ort

yoko terauchi and slu installing "ebbe & flut" on the ground floor gallery space at görbelheimer mühle

yoko terauchi und slu installieren "ebbe & flut" im galerieraum im erdgeschoss in der görbelheimer mühle

photo: wolfgang lukowski

views of installation: "air castle" (1991), graphite on wall, dimensions unmeasurable

ausstellungsansichten: "air castle" (1991), graphit auf wandfläche, nicht abmessbar

view of installation: "air castle"

installationsansicht: "air castle"

yoko terauchi – ebb & flow
yoko terauchi during the production of "air castle"

yoko terauchi während der fertigung von "air castle"

zu "air castle"

aufgrund meines kulturellen hintergrunds, der dem unbekannten gegenüber offen ist, kann ich die westliche philosophische sichtweise der welt als logisches kohärentes system und das damit einhergehende ziel, nach universeller wahrheit zu suchen, nicht akzeptieren.

meine werke sollen auf die eigentliche quelle dieses dualismus hinweisen, nämlich die gewohnheit, die welt in essenzen zu unterteilen, und den betrachter:innen vor augen führen, wie dieses rationale verständnis das, was tatsächlich existiert, verzerrt und zu dem konzept des konflikts führt.

ich nutze installationen als mittel, um die aufmerksamkeit der betrachter:innnen auf deren eigenen geist und deren position im raum zu lenken. damit verlasse ich die westliche kunsttradition, ideen durch physische darstellung zu veranschaulichen.

stattdessen präsentiere ich bedingungen oder situationen, die die psychologische und physische erfahrung der betrachter:innen beim versuch, das gesehene zu verstehen, verrücken.

ich durchbreche den rahmen des galerieraums (und seine unabhängigkeit), um den weltraum als kontinuierliche unendlichkeit einzubeziehen. so können unbewusste körperliche positionsveränderungen vor dem betreten des galerieraums zu einer sehr wichtigen erfahrung werden, die die betrachter:innen erkennen lässt, dass sie nicht unterscheiden können, wo sie sich in bezug auf das, womit sie konfrontiert sind, befinden. dies veranschaulicht den vollständigen verlust einer grundlage zur bewertung sowohl subjektiver als auch objektiver standpunkte.

es ist ein einstieg in eine andere herangehensweise an die welt.

yoko terauchi, 1994 (aus dem ausstellungskatalog zu "yoko terauchi" in der chisenhale gallery, london, 1994)

view of installation: "air castle" (1994), graphite on wall, dimensions unmeasurable at chisenhale gallery, london

installationsansicht: "air castle" (1994), graphit auf wandfläche, nicht abmessbar, chisenhale gallery, london

imaginary form of the work "air castle" as a whole. the chisenhale gallery itself is only a small part of the much larger object which remains unseen.

imaginäre form des werks "air castle". die chisenhale gallery selbst ist nur ein kleiner teil des viel größeren objekts, das unsichtbar bleibt.

"hot line 63" (1986), telephone cable, 154 x 42 x 42 cm

"hot line 63" (1986), telefonkabel, 154 × 42 × 42 cm

"hot line 16" (1984), telephone cable, 90 x 88 x 50 cm

"hot line 16" (1984), telefonkabel, 90 × 88 × 50 cm

"hot line 69" (1986), telephone cable, 68.5 x 54 x 43 cm

"hot line 69" (1986), telefonkabel, 68.5 × 54 × 43 cm

zu "hot lines"

die menschen neigen dazu, begriffe wie 'richtig und falsch', 'schönheit und hässlichkeit' als gegensätze zu betrachten. ich aber frage mich, sind sie wirklich verschieden? sie mögen je nach standpunkt der betrachter:innen verschieden aussehen. doch wie bei ebbe und flut: faktisch ist die wassermenge des meeres immer dieselbe. mit meiner arbeit möchte ich 'eine welt ohne widersprüchliche beziehungen' in visueller form darstellen, um die bedeutungslosigkeit der trennung anhand der grundlegenden eigenschaften der materialien aufzuzeigen.

telefonkabel ist eines der von mir verwendeten materialien. ich verwende material nicht als metapher oder symbol. deshalb gibt es, obwohl ich die reihe 'hot line' genannt habe, keine verbindung zwischen der funktion des telefonkabels und dem, was meine arbeit darstellt. der lebhafte kontrast zwischen dem einfarbigen mantel (außen) und dem farbigen draht (innen) ist der grund, warum ich telefonkabel als medium verwende: um die 'gleichheit von außen und innen' darzustellen. jede 'hot line' ist aus einem stück kabel angefertigt. nichts ist hinzugefügt oder weggenommen. ich führe das material zu einem neuen zustand, in dem die gegensätze innen und außen dasselbe werden.

ich schneide buchstäblich die grenze des mantels, um die stellung des drahtes der des mantels gleichzusetzen. bei diesem vorgang verändert das material seine ihm eigene form und sein inneres gleichgewicht passt sich dieser neuorganisation an.

die endgültige form und größe meiner arbeit ist deshalb von jedem einzelnen stück telefonkabel bestimmt. auf diese art schaffe ich eine 'eigentliche' form, die weder beschreibung noch metapher ist.

yoko terauchi, 1996 (aus dem ausstellungskatalog zu "yoko terauchi" im museum für post und kommunikation, berlin in1996)

view of invitation for "yoko terauchi" at edition & galerie hoffmann in 1991

ansicht der ausstellungseinladung für "yoko terauchi" in der edition & galerie hoffmann, 1991

"hot line 107" (1989), telephone cable, 225 x 145 x 146 cm

"hot line 107" (1989), telefonkabel, 225 × 145 × 146 cm

werke

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