nr. 4/2026
serena amrein und françoise malaprade
26. september – 22. november 2026
galerie görbelheimer mühlegörbelheimer mühle 1, 61169 friedberg
serena amrein und françoise malaprade
26. september – 22. november 2026
galerie görbelheimer mühlegörbelheimer mühle 1, 61169 friedberg
schaut man auf die werke von serena amrein und françoise malaprade, möchte man im ersten augenblick glauben, sie könnten unterschiedlicher nicht sein. in serena amrein begegnen wir einer herausragenden zeichnerin, die uns in ein faszinierendes, konstruktiv grundiertes und überwiegend schwarzweißes universum der striche und linien mitnimmt, während die bilder von françoise malaprade durch den auftritt ihrer farben bezaubern, die strahlender und leuchtender nicht sein könnten. die welt mittels der linie zu vermessen heißt, sie more geometrico wahrzunehmen. wer sie indes unter dem aspekt der farbe anschaut, blickt auf sie durch das prisma des gefühls. doch so einfach ist es um das werk der beiden künstlerinnen nicht bestellt. wer geneigt ist, in ihnen bloß protagonistinnen einer rationalen versus einer emotionalen weltwahrnehmung zu sehen, greift zu kurz. klarheit und präzision wie verführung und verzauberung schließen sich in den werken beider nicht aus.
die zeichnungen von serena amrein entfalten ihre wirkung aus einer konsequenten reduktion der bildnerischen mittel. die linie wird von ihr nicht als medium zur darstellung von gegenständen oder figuren eingesetzt, sondern als eigenständiges element untersucht. durch wiederholung, verdichtung, verschiebung und überlagerung entstehen komplexe strukturen, die unseren blick lenken und zugleich herausfordern. aus einfachen linearen setzungen entwickeln sich vielschichtige bildräume, die zwischen ordnung und bewegung, zwischen kosmos und chaos, zwischen regel und verstoß oszillieren. die strenge ordnung der kompositionen wird von amrein durch minimale abweichungen, rhythmische verschiebungen und optische irritationen belebt. dabei entsteht eine subtile spannung zwischen rationalität und sinnlichkeit.
ein zentrales moment in amreins schaffen ist die überwindung des klassischen zeichenstifts. an die stelle der geführten hand, die den graphit- oder kreidestift über den untergrund gleiten lässt, tritt das seil, das tau oder die im bauwesen beheimatete schlagschnur. dieses medium wird mit reinem pigmentpulver oder kreide getränkt und auf den bildträger – großformatiges papier, leinwand oder die nackte galerie- oder museumswand – geschleudert. der akt ist ein performatives ereignis, das weit über das visuelle hinausreicht. der plötzliche aufprall des taus ist als peitschenknall akustisch im raum präsent. was auf der bildfläche zurückbleibt, ist das visuelle äquivalent dieses akustischen und physischen impulses.
ein schönes beispiel dafür ist „q1“ (2022). auf einer schwarzen leinwand sieht man zwei per schlagschnur erzeugte, sich kreuzende weiße pigmentlinien. die künstlerin hat ihre leinwand schräg über einen horizontal an die wand angebrachten holzstab gefaltet und die schwarze leinwandpartie um eine ebenfalls schwarze wandmalerei ergänzt, sodass man glaubt, in dem gebilde das berühmte schwarze quadrat von malewitsch zu erkennen. amrein zitiert diese ikone des suprematistischen konstruktivismus und konterkariert zugleich ihr idealistisches pathos durch den augentäuschenden illusionismus ihrer installation.
während serena amrein die strengen parameter der minimal art und des konstruktivismus in diesem und anderen werken zum tanzen bringt, war françoise malaprade (1930–2024) daran gelegen, in ihrer kunst die emotionalen ausschläge der farbe zu moderieren und zu harmonisieren. statt exzess und gefühlsausbruch waren eleganz und schönheit programm ihrer bilder. ihnen widmete sie sich mit äußerster hingabe, kognitiver akribie und mathematischer strenge. malaprade hat, ganz ähnlich wie die 1964 in der schweiz geborene amrein, für die zeichnen „manuelles denken“ ist, von sich sogar als peintre-auteur gesprochen – also als malerin, die zugleich in wort und schrift über sich und ihre malerei nachdachte. dafür sind ihre werke aus den 1990er jahren, die aus bild- und texttafeln bestehen, ein schönes beispiel.
darin beschreibt sie, warum sie auf hauchdünner, transparenter kunststofffolie malt und dabei ihre rück- und vorderseite nutzt, warum sie dabei deckende, rasch trocknende acrylfarbe bevorzugt und sich bei den maßen ihrer bilder am modulor-system von le corbusier und am goldenen schnitt orientiert. durch die nutzung von polyester als bildträger und dessen doppelseitige bemalung mit acryl war es ihr möglich, einen transluzenten raum zu erzeugen, in dem die farben nicht bloß auf der oberfläche liegen, sondern durch den träger hindurch interagieren. dadurch gelang es ihr, farbe in licht zu transformieren. das war gewissermaßen die substanz ihres strebens und das gesetz ihres malens. „lux = lex“ lautete die von ihr zitierte lateinische formel dafür. sie macht deutlich, dass sublimierung und spiritualisierung der farbe ihr höchstes ziel waren.
sobald das format der folie für malaprade feststand, hat sie die fläche mathematisch unterteilt. dabei nutzte sie die werte des modulors, um ihre charakteristischen vertikalen streifen, horizontalen segmente und quadrate zu berechnen. so entstand auf der fläche eine innere architektur, die trotz ihrer mathematischen strenge vom menschlichen auge als balanciert und angenehm wahrgenommen wird, weil sie dem goldenen schnitt folgt. der komplexeste schritt war dann der auftrag der farbe. malaprade verstand die modulor-reihen wie eine partitur in der musik. sie nutzte die geometrie, um die gefühlsgewalt der farbe zu domestizieren, die von natur aus emotional und psychologisch aufgeladen ist. besonders die von françoise malaprade favorisierten, hochintensiven cadmium-töne wie das vibrierende cadmiumrot oder das gleißende cadmiumgelb besitzen in dieser hinsicht eine enorme wucht. unkontrolliert aufgetragen, neigen diese farben dazu, den betrachter emotional zu überwältigen und eine rauschhafte wirkung zu entfalten.
so ist der rekurs der beiden künstlerinnen auf den konstruktivismus von einem bemerkenswerten paradoxon getragen. sie nutzen ihn nicht, weil sie auf der suche nach ultimativen ästhetischen formen und formeln wären, auch wenn es bei malaprade à première vue so scheinen mag. sondern sie bedienen sich seiner, um uns den charakter der condition humaine deutlicher vor unsere augen zu stellen. der rationalismus der linie gerät in den werken von serena amrein immer wieder auf abwege, sodass man erkennt, was schon immanuel kant von menschen wusste, dass sie aus krummem holz sind, das nicht gerade werden will. und die emotionalität der farbe muss in den bildern von françoise malaprade immer aufs neue in zucht genommen werden, um zu harmonie und schönheit zu taugen.
michael stoeber
ausstellungsansicht (v.l.n.r.): serena amrein, "linien ft #2", "linien nyt #2", "linien nyt #3", alle 2023, pigment und acryl auf zeitung und seidenpapier, 71 × 71 cm
fotos: ivan murzin
ausstellungsansicht: serena amrein, "linien nyt #1", "linien nyt #2", beide 2023, pigment und acryl auf zeitung und seidenpapier, 71 × 71 cm
ausstellungsansicht: serena amrein, "zirkeln 1", "zirkeln 2", beide 2026, pigment auf grundierter leinwand, 170 × 170 × 2 cm
ausstellungsansicht: françoise malaprade, "texte-llll" (11tlg., 1996), "arc en ciel #1" (2024)
françoise malaprade, "texte-llll #9" (1996), acrylfarbe und tinte auf büttenpapier, 40 × 58 cm
françoise malaprade, "arc en ciel #1" (2024), acrylfarbe auf polyester, 120 × 70 cm
ausstellungsansicht: serena amrein, "729 punkte #1", "729 punkte #4", "729 punkte #6", alle 2024, tinte auf papier, 35 × 35 cm
ausstellungsansicht: serena amrein, "vierfach rot #2", "vierfach blau #2", beide 2024, tinte auf papier, 119 × 84 cm
ausstellungsansicht: serena amrein, "vierfach blau #3" (2024), "doppelpunkt 1b" (2025), "vierfach rot blau #3" (2024)
ausstellungsansicht: serena amrein, "doppelpunkt 3a", "doppelpunkt 2a", "doppelpunkt 1b", alle 2025, pastell kreide auf papier, 80 × 80 cm
ausstellungsansicht: serena amrein, "doppelpunkt 3a", "doppelpunkt 2a", "doppelpunkt 1b", alle 2025, "dot l 1" (2023)
ausstellungsansicht: françoise malaprade, "iris" (8tlg., 2023), acrylfarbe auf polyester, je 32 × 24 cm, total 32 × 238 cm
françoise malaprade, "iris #3" (2023), acrylfarbe auf polyester, 32 × 24 cm
ausstellungsansicht: françoise malaprade, "ohne titel" (1994); serena amrein, "gold" (2024)
françoise malaprade, "ohne titel" (1994), acrylfarbe auf polyester, 103 × 24.5 cm
ausstellungsansicht: serena amrein, "orange linien #18", "729 punkte #6", beide 2024; françoise malaprade, "les trois bleus" (2015)
françoise malaprade, "les trois bleus" (2015), acrylfarbe auf polyester, 119.8 × 42 cm
ausstellungsansicht: françoise malaprade, "suite" (20tlg., 2019), acrylfarbe auf transparentpapier auf plexiglas, je 43 × 27 cm, total 43 × 711 cm
ausstellungsansicht: françoise malaprade, "lumi/ére" (2-part, 2003)
françoise malaprade, "lumi (de lumi/ére)" (2003), acrylfarbe auf polyester in acrylglas, 62 × 26 × 6.5 cm
françoise malaprade, "ére (de lumi/ére)" (2003), acrylic paint on polyester in acrylic glass, 86 × 26 × 6.5 cm
ausstellungsansicht: serena amrein, "q2" (2022), pigment auf leinwand, holz, acryl auf wandfläche, 200 × 250 × 4.5 cm